Institut für Mikrobiologie
der Bundeswehr

Workshop „Nagetier-übertragene Pathogene“

S. Eßbauer, I. Moßbrugger |

Vom 21. bis 23. November 2012 trafen sich im Taktikhörsaal der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München in München Experten aus Deutschland, der Schweiz und Belgien zum 3. Workshop des Netzwerks „Nagetier-übertragene Pathogene“.

Vom 21. bis 23. November 2012 trafen sich im Taktikhörsaal der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München in München Experten aus Deutschland, der Schweiz und Belgien zum 3. Workshop des Netzwerks „Nagetier-übertragene Pathogene“. Über 60 Teilnehmer aus Institutionen der Bundeswehr, verschiedener Ressortforschungseinrichtungen, unter anderem des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), des Robert Koch-Instituts (RKI), des Bundesamt für Risikobewertung (BfR), aus Universitäten sowie Gesundheits- und Veterinärbehörden diskutierten neueste Forschungsergebnisse zum Vorkommen und der Epidemiologie Nagetier-assoziierter Viren, Bakterien und Parasiten. Weitere Themenschwerpunkte waren die Ökologie, die Genetik und das Verhalten der Reservoirwirte.

Der Workshop wurde vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr (InstMikroBioBw) organisiert und durch die Berichterstatterinnen ausgerichtet. In 29 Vorträgen stellten Wissenschaftler an 2,5 Tagen ihre aktuellen Ergebnisse vor. In insgesamt elf Themenkomplexen spannte sich ein weiter Bogen von allgemeinen bis hin zu Erreger-spezifischen Themen.

In seiner Begrüßung erläuterte der Leiter des InstMikroBioBw, Oberstarzt Prof. Dr. Lothar Zöller, das Netzwerk „Nagetier-übertragene Pathogene“ und den Grund, warum diese Veranstaltung 2012 am InstMikroBioBw stattfand. Gegründet wurde das Netzwerk 2004 von PD Dr. Rainer G. Ulrich (FLI) und PD Dr. Sandra Eßbauer (InstMikroBioBw). Beide haben neben Dr. Jens Jacob (Julius Kühn-Institut, JKI) und PD Dr. Gerald Heckel (Institut für Ökologie und Evolution, Universität Bern) federführend die Koordination, das Bestehen und die Weiterentwicklung des Deutschland-weiten Netzwerks übernommen. Dessen Ziel ist es, Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen und Expertise (Human-, Tiermedizin, Genetik, Ökologie etc.) zusammen zu bringen, bekannte und neue Erreger zu untersuchen und Wissen sowie Probenmaterial auszutauschen. Damit soll das breite Feld Nagetier-übertragener Pathogene erforscht und vor allem die komplexen Faktoren erfasst werden, die menschliche Erkrankungen auslösen und das Zusammenspiel Wirt und Pathogen beeinflussen. Eine weitere wichtige Aufgabe des Netzwerks besteht in der intensiven Öffentlichkeitsarbeit, unter anderem durch Artikel und Vorträge für verschiedene Berufsgruppen.

Für das InstMikroBioBw und den medizinischen B-Schutz sind aus diesem Netzwerk insbesondere aktuelle Erkenntnisse zu ungewöhnlichen Ausbrüchen, zur molekularen Epidemiologie, Forensik und auch Isolierung von Stämmen B-relevanter Nagetier- assoziierter Erreger von zum Beispiel Pest, Tularämie, Hantavirus-bedingten Krankheiten, Rickettsiosen und Brucellose von großer Relevanz. Zu diesem Zweck wird jährlich der Vektorendruck auf dem Truppenübungsplatz Heuberg durch die Teileinheit Medizinische B-Aufklärung und Verifikation (Leitung: Oberfeldarzt Dr. Roman Wölfel) bestimmt.

Seit dem ersten Treffen im Jahr 2008 hat sich der Workshop fest etabliert. Er wird im 2-jährigen Turnus an verschiedenen Orten veranstaltet und zeigt ein gleichbleibend hohes wissenschaftliches Niveau.

Prof. Dr. Bernhard Liebl, Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Oberschleißheim, folgte stellvertretend für das Bayerische Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz (STUMGV) mit seinem Grußwort. Er stellte hier die seit dem Jahr 2004 bestehende erfolgreiche Zusammenarbeit bayerischer Gesundheitsbehörden und des InstMikroBioBw im Rahmen von ungewöhnlichen Hantavirus-Ausbrüchen in Niederbayern dar. Zudem verwies er darauf, dass die Forschung auf diesem Gebiet im Rahmen eines bayerischen Netzwerks durch Wissenschaftler aus bayerischen Universitäten, Landesämtern und der Bundeswehr im Rahmen des VICCI-(Vector-borne infections in climate change investigations) Netzwerks erfolgt. Letzteres wurde von 2008 bis 2011 durch das STUMGV als Drittmittelprojekt gefördert.

In der Eröffnungssitzung des Workshops stellte Prof. Herwig Leirs von der Universität Antwerpen in seinem Übersichtsvortrag die Ökologie von Pest und Hantaviren vor. Dabei ging er insbesondere auf Google Earth basierte Untersuchungen zur Verbreitung der Pest in Kasachstan ein.

PD Dr. Ulrich (FLI) und zwei seiner Mitarbeiter (Nastasja Kratzmann, Matthias Schlegel) gaben einen Überblick über aktuelle Netzwerk-Aktivitäten. Es wurden umfangreiche Daten zu Vorkommen und Wirtsassoziation von Hanta-, Orthopocken-, Paramyxo-, Hepatitis E- und Frühsommer-Meningoenzephalitis-Viren, Leptospiren und multiresistenten Escherichia coli in Deutschland gesammelt. Seit dem Jahr 2010 gibt es ein umfangreiches Nagetiermonitoring, um Zusammenhänge zwischen Veränderungen in Kleinsäugerpopulationen und deren Erreger-Durchseuchung zu untersuchen. Für die Bundeswehr besonders relevant war dabei der Vortrag von  M. Schlegel zu „Nagetieren als Überträger für Zoonosen in Afghanistan“, der die Ergebnisse eines Verbundprojektes, an dem auch mehrere Bundeswehrinstitute beteiligt sind, darstellte. In vorläufigen bakteriologischen und molekularbiologischen Untersuchungen von 442 Kleinsäuger in den Lagerbereichen der Bundeswehr (Mazar-e-Sharif, Feyzabad, Kunduz), konnten Parasiten und Bakterien unterschiedlichster Spezies mit zoonotischem Potenzial in Hausmäusen, aber bislang keine Infektionen mit zoonotischen Viren nachgewiesen werden. Derzeit werde die Verwendbarkeit von Nagetieren als „Sentinelorganismen“ für eine Risikoabschätzung für das militärische Personal in Einsatzgebieten überprüft.

Am zweiten Tag des Workshops beschäftigten sich fünf Vorträge, unter anderem aus der Arbeitsgruppe von PD Dr. Gerald Heckel (Universität Bern) und Prof. Dr. Thomas Romig (Universität Hohenheim), mit „Genetik und Verhalten von Nagetieren/Feldmäusen“ und „Feldmaus-Ökologie, Feldmaus-assoziierten Hantaviren“.

Zu dem Themenkomplex „Hantaviren: Neues zu Puumalavirus in Deutschland“ erfolgte dann in vier Vorträgen ein Überblick zur aktuellen Epidemiologie und zum Hantavirus-Ausbruchsjahr 2012 (Dr. Mirko Faber, RKI) und zum Einfluss der Populationsdynamik von Rötelmäusen auf Hantavirus-Infektionen in Deutschland (Dr. Daniela Reil/ AG Dr. Jens Jacob, JKI). Ergänzt wurde dies durch Vorträge zur geografischen Verbreitung und hohen genetischen Divergenz (bis zu 20 % auf Nukleotidebene) von Puumalavirus (PUUV) in Deutschland und zur molekularen Evolution von PUUV in der endemischen Region Niedersachsen. Hier werden seit dem Jahr 2005 regelmäßig Nagetierfänge durchgeführt und gleichbleibend hohe PUUV-Prävalenzen in den Rötelmaus-Populationen nachgewiesen (Ulrike Rosenfeld, Hanan Sheikh Ali, Arbeitsgruppe Ulrich, FLI).

In der anschließenden Sitzung zu „Zecken-übertragenen, an Nagetieren assoziierten Erregern“ wurden Untersuchungen zum Vorkommen von Rickettsia spp. in Nagetieren vorgestellt, um deren Rolle als natürliches Reservoir für und die komplexe Ökologie von Rickettsien zu aufzuklären. Dies beinhaltete Studien im Raum Leipzig, wo Prävalenzen bis zu 30 % und die Rickettsienspezies R. helvetica und R. raoulti in Nagetieren nachgewiesen wurden (Dr. Carolin Karnath, Arbeitsgruppe Prof. Dr. Martin Pfeffer, Universität Leipzig). Zudem wurden über die am InstMikroBioBw im Rahmen des oben genannten VICCI-Netzwerks durchgeführten Untersuchungen zu Rickettsien in Kleinsäugern und ihren assoziierten Zecken und Flöhen entlang eines Höhengradienten im Nationalpark Bayerischer Wald berichtet (PD Dr. Eßbauer, InstMikroBioBw). In diesem Projekt wurde eine neue Rickettsienart „Candidatus Rickettsia apodemus“ entdeckt und auch gezeigt, dass vor allem Gelbhalsmäuse ein wichtiges Reservoir für R. felis zu sein scheinen.

Die Diversität und Prävalenz Zecken-übertragener Krankheitserreger wie Borrelia afzelii, Anaplasma phagozytophilum, Candidatus Neoehrlichia mikurensis in Nagetieren aus der Stadt Berlin wurde von Denny Maez (Freie Universität Berlin) vorgestellt. Hier fand sich in jedem zweiten untersuchten Tier ein Erreger, der durch Zecken auf den Menschen übertragen werden kann.


Ähnliche Fragestellungen wurden im Rahmen des Emerging Diseases in a changing European ENvironment (EDENnext) Projektes in einem Stadtpark in Regensburg und im Unterallgäu untersucht (Anna Obielga, Arbeitsgruppe PD Dr. Cornelia Silaghi, Ludwig-Maximilians-Universität München). Anschließend gab Prof. Dr. Pfeffer (Universität Leipzig) einen Überblick über Candidatus Neoehrlichia mikurensis, einen neu beschriebenen Zecken-übertragenen Erreger. Dieser verursacht Erkrankungen mit sehr schwerem Verlauf und wurde in Sachsen in bis zu 54 % der in einem Pilotprojekt untersuchten Mäuse und Zecken nachgewiesen.


Die folgenden Referenten berichteten zu „Leptospiren“. Berichtet wurde über ein Deutschland weites Screening von Wanderratten auf diese Erreger (Dr. Karsten Nöckler, BfR) und Nachweise von Leptospiren in verschiedenen Wildnagetierspezies in Proben aus dem am InstMikroBioBw durchgeführten VICCI-Projekt (Dietlinde Woll, Arbeitsgruppe Pfeffer, Universität Leipzig).


Am dritten Workshoptag hielt der Schädlingsbekämpfer Peter Lieving einen eindrucksvollen Vortrag zum Dilemma einer fachgerechten und zugleich ökologischen und behörden-gerechten Nagetierbekämpfung. In einer folgenden Sitzung zu Bakterien standen ESBL Escherichia coli im Vordergrund, In Berlin wurden diese und andere gefährliche Typen E. coli (extra intestinal pathogen, ExPEC) in Wanderratten, auch in der Nähe eines Klinikums gefunden, die gegebenenfalls eine Gefahr für den Menschen darstellen können (Dr. Sebastian Günther, Freie Universität Berlin). Oberfeldarzt PD Dr. Wolf Splettstößer (InstMikroBioBw) präsentierte in einem interessanten Übersichtsvortrag den aktuellen Kenntnisstand zur Diagnostik und Epidemiologie der Tularämie. Anhand der Daten aus dem Konsiliarlaboratorium für Tularämie zeigte er, dass in den letzten Jahren über 40 % der Tularämiepatienten keinen Kontakt zu Hasen hatten, dafür aber Zecken- und Mücken-übertragene Fälle zunehmen. Zudem scheinen Nagetiere infiziert zu sein und Erkrankungsfälle treten gehäuft parallel zu Hantavirosen, Leptospirosen auf, das heißt, parallel zu anderen Nagetier-assoziierten Infektionskrankheiten.


Die Sitzung zu viralen Nagetier-assoziierten Erregern mit Vorträgen zum Hepatitis E-Virus (Paul Dremsek, AG Ulrich, FLI) zu neuen Maus-assoziierten Coronaviren (Dr. Jan-Felix Drexler, Universität Bonn) und zur Evolution von Retroviren (Dr. Alex Greenwood, Institut für Zoo- und Wildtierforschung Berlin) sowie mit einem Ausblick auf neue Techniken zur Entdeckung bislang unbekannter Viren mittels „next generation sequencing“ (Dr. Rene Kallies, Universität Bonn) beendete den Workshop.


Abgerundet wurde das wissenschaftliche Programm durch das soziale Rahmenprogramm, einem „Icebreaker“ in der Offiziersheimgesellschaft, einer seuchenbezogenen Stadtführung durch München und einem gemeinsamen Abendessen im Münchner Traditionsgasthaus „Zum Spöckmeier“.


Besonderer Dank gilt den Mitarbeitern der Teileinheit Virologie und Rickettsiologie für die Unterstützung bei den Vorbereitungen des Workshops, insbesondere Frau Angelika Schwaiger, die die umfangreichen und vielfältigen organisatorischen Aufgaben intensiv mit betreut hat.


Der kommende Workshop ist bereits jetzt im Herbst 2014 an der Universität Leipzig unter der Leitung von Prof. Dr. Pfeffer geplant.

Gruppenbild der Teilnehmer am Workshop Nagetier-übertragene Pathogene.
Eröffnung des Workshops durch Oberstarzt Prof. Dr. Zöller.
Prof. Dr. Liebl überbringt das Grußwort des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz
Übersichtvortrag von Prof. Dr. Leirs (Universität Antwerpen) zu Pest und Hantaviren
Aufmerksame Zuhörer während der wissenschaftlichen Sitzung