Institut für Mikrobiologie
der Bundeswehr

Frühmittelalterliche Pest in München

H.C. Scholz |

Wissenschaftlern des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr, der LMU München, der Universität Mainz und der Northern Arizona University gelang es, aus historischen Skeletten den Erreger der Pest im Justinianischen Zeitalter zu identifizieren und mit Hilfe eines originär für die Bioforensik entwickelten molekularbiologischen Instrumentariums zu charakterisieren. Die sensationellen Befunde fanden selbst in der Lokalpresse Beachtung.

Wissenschaftlern der bayerischen Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie der Ludwig-Maximilians Universität (LMU) und des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr (IMB) ist es gelungen, mit molekularen Methoden den Pesterreger, Yersinia pestis, in 1500 Jahre alten Skeletten nachweisen. Amerikanische Spezialisten aus dem Bereich Bioforensik und Typisierung (Universität Northern Arizona) und ein Wissenschaftlerteam der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, haben im Rahmen einer engen Zusammenarbeit mit den Münchner Forschern die Daten bestätigt. Seit Jahren bereits untersuchten die LMU-Forscher den frühmittelalterlichen Friedhof „Aschheim-Bajuwarenring“ im Landkreis München, der mehr als 400 Gräber umfasst. Außergewöhnlich waren dort Mehrfachbestattungen mit bis zu sechs Individuen pro Grab, was auf ein Seuchengeschehen hindeutet. Einige Skelette stammen aus dem 6. Jahrhundert, der Zeit des Kaisers Justinian. Historische Dokumente legen es nahe, zu dieser Zeit einen Seuchenzug der Pest zu vermuten.

Jetzt konnte Yersinia-pestis-spezifische DNA in den Wurzeln von Zähnen mehrerer Skelette aus der Justinianischen Epoche nachgewiesen werden, was darauf hindeutet, dass die Opfer an einer Pestsepsis erkrankt waren. Eine Blutvergiftung durch die massenhafte Vermehrung des Pesterregers im Blut konnte damals kaum überlebt werden. Nach dem Tod kann die DNA der Bakterien offenbar in den kleinen Blutgefäßen der Zahnpulpa über Jahrhunderte konserviert werden. Privatdozent Dr. Holger Scholz, Leiter der Abteilung Bakteriologie am IMB: „Diese Befunde sind von höchstem wissenschaftlichem Interesse, da der Pesterreger noch viele Fragen über seinen Pandemiecharakter und seine Virulenz offen lässt, deren Aufklärung wir nun einen Schritt näher gekommen sind.“

In den Untersuchungen konnte nicht nur der Nachweis des Pesterregers erbracht werden, sondern Frau Oberstabsveterinär Dr. Julia Riehm gelang es auch, mit modernsten, originär für die Bioforensik entwickelten molekularbiologischen Typisierungsverfahren dessen  genetische Eigenschaften so fein zu ermitteln, dass die in historischen Individuen aus dem 6. Jahrhundert AD nachgewiesenen Erreger in die Ahnengalerie von Yersinia pestis eingeordnet werden konnten. Damit ist der Erreger der Justinianischen Pest als Vorfahre der heute vorkommenden Pesterreger identifiziert. Phylogeographische Analysen deuten ferner auf einen Ursprungsort in Zentralasien hin.

Das Institut für Mikrobiologie beschäftigt sich mit dem Pesterreger wegen seiner möglichen Verwendung als biologischer Kampfstoff. Für seinen Nachweis wurden Tests entwickelt, die gem. DIN EN ISO 15189 akkreditiert sind. Wissenschaftler wie Oberstabsveterinär Dr. Julia Riehm entwickelten im Rahmen bioforensischer Fragestellungen weiterführende Tests zur Charakterisierung des genetischen Fingerabdrucks des Pesterregers. Diese Methoden wurden nun eingesetzt, um eine Lücke in der Entwicklungsgeschichte von Yersinia pestis zu schließen.

Die Studie wurde veröffentlich in: Harbeck M, Seifert L, Hänsch S, Wagner DM, Birdsell D, Parise KL, Wiechmann I, Gruppe G, Thomas A, Keim P, Zöller L, Bramanti B, Riehm JM, Scholz HC (2013) Yersinia pestis DNA from Skeletal Remains from the 6th Century AD Reveals Insights into Justinianic Plague. PLoS Pathog 9(5): e1003349. doi:10.1371/journal.ppat.1003349

Weitere Informationen:

„Mehrfachgrab“ aus dem 6. Jahrhundert mit drei Individuen. Aus den Zähnen solcher Skelette konnten IMB-Wissenschaftler die DNA des Pestbakteriums Yersinia pestis isolieren. Foto: © Landesamt für Denkmalpflege
Bei der Analyse der DNA des Pesterregers aus Skeletten wird in Schutzkleidung in einem Reinstlabor gearbeitet – nicht um eine Ansteckung zu vermeiden, sondern um die Erbinformation vor Kontaminationen zu schützen. Foto: Michaela Harbeck
Abbildung aus Gutsmiedl (2010): Das frühmittelalterliche Gräberfeld Aschheim-Bajuwarenring, Dissertation, Kallmünz, Verlag Michael Lassleben
Vor der Geschichtlich und Heimatkundlichen Sammlung in Aschheim. v.l.n.r.: Dawn Birdsell (NAU), Jeff Foster (NAU), Julia Riehm (IMB), Anja Pütz (Sammlung Aschheim), Holger Scholz (IMB) und Dave Wagner (NAU). Foto: privat